metapolitik

Das Nachdenken über deutsche Geschichte, Kultur und Identität aus einer nonkonformen, politisch unkorrekten Perspektive nimmt in meiner Arbeit breiten Raum ein und spiegelt sich sowohl in meiner journalistischen Tätigkeit als auch in veschiedenen Buchveröffentlichungen.

In der Reihe "Kaplaken" des Verlags Antaios publizierte ich 2009 das Buch Der Vorsprung der Besiegten - Identität nach der Niederlage:

 

Der Vorsprung der Besiegten

Wer siegt, hat alles richtig gemacht. Wer verliert, muß sein Scheitern analysieren. Wer so deutlich verloren hat wie Deutschland im 20. Jahrhundert, kann sich selbst für "widerlegt" halten.

Baal Müller dreht den Spieß nun um: Die Aufarbeitung der totalen Niederlage kann zu einem Erkenntnisvorsprung vor den selbstgefälligen Siegern führen.

(Verlagstext)

 

 

Rezensionen:

  • Thorsten Hinz in der Jungen Freiheit:

Die Neurotik des Verlierers
Peter Sloterdijk und Baal Müller analysieren die deutsche Seelenlage, die auch 2009 immer noch auf 1945 gerichtet ist

 

Zwei Autoren, ein Thema: Der Philosoph Peter Sloterdijk, einer der originellsten Großdenker im deutschen Universitäts- und Medienbetrieb, und der promovierte Germanist und Autor Baal Müller werfen die Frage auf, wie die Deutschen die Kriegsniederlage von 1945 verarbeitet haben.

Sloterdijks Text basiert auf einer Rede, die er im November 2007 anläßlich der 6. Deutsch-Französischen Kulturgespräche an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg hielt. Er greift auf ein Erklärungsmodell zurück, mit dem der Kulturtheoretiker Heiner Mühlmann die Entstehung und Metamorphosen „generationenübergreifend lernfähiger Kulturgruppen“ zu erklären versucht. Kulturgruppen (in diesem Fall: Nationen) werden als „Maximal-Streß-Cooperationen“ definiert, die sich auf der horizontalen Zeitebene durch die Fähigkeit auszeichnen, existentielle Krisen durch kollektive Höchstleistungen unter enormen Belastungen zu bewältigen. Auf der vertikalen Ebene bilden sie mittels Lernprozessen Traditionen aus, die Stabilität verleihen. Die stärkste existentielle Krise ist der Krieg. Die Sieger fühlen sich danach bestätigt, die Verlierer aber fragen nach den Gründen der Niederlage, durchmustern kritisch ihre Bestände und adaptieren Eigenschaften des Siegers. Diese Bereitschaft zur Umformung nennt Sloterdijk „Metanoia“, womit er ein „weltliches Umlernen im Dienste erhöhter Zivilisationstauglichkeit“ meint.

Adenauer steht für „die pragmatische und alltägliche Seite der metanoetischen Arbeit“, die geistig-kulturelle „Selbstrekonstruktion“ indes erfolgte auf einer Entwicklungslinie, die vom Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche im Jahr 1945 bis zur Errichtung des Holocaust-Denkmals in Berlin verläuft. Dieser „politisch-moralische Prozeß“ habe – trotz einiger „symbolischer Lynchaktionen und opportunistischer Massenpsychosen“ der „semitotalitär wirkenden Medien“ – zur „nationalen Erholung“ und „Wiederertüchtigung“ geführt, Deutschland zur „metanoetisch durchgearbeiteten und zivilisatorisch einermaßen regenerierten Nation“ gemacht und durch die Papst-Wahl eines Deutschen „die externe Ratifizierung“ erfahren.

Mit der Wirklichkeit hat diese Beschreibung allerdings wenig zu tun, mit nichts können die Deutschen weniger anfangen als mit ihrer „nationalen Erholung“. Kaum war die Druckerschwärze von Sloterdijks Suhrkamp-Bändchen trocken, da hatten die semitotalitären Medien bereits den Papst eingeholt und legte die Kanzlerin persönlich ihm nahe, er hätte eine ausdrückliche Distanzierung vom Antisemitismus – der automatisch den Nationalsozialismus impliziert – nötig. Die „Metanoia“ ist in Wahrheit auf Neurotisierung angelegt, und wenn junge Demonstranten das Dresden-Bombardement mit der Losung begrüßen: „Bomber Harris, do ist again“, so ist das keine, wie Sloterdijk glaubt, „Abweichung von den zivilgesellschaftlichen Normen“, sondern eine Konsequenz aus der Zivilreligion, die der deutschen „Zivilgesellschaft“ zugrunde liegt.

Um diesen Zusammenhang zu erfassen, reicht der systemtheoretische Ansatz nicht aus, denn er läßt die realpolitischen Entwicklungen und die Qualität der deutschen Niederlage unberücksichtigt. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch schreibt in seinem Buch „Die Kultur der Niederlage“, bei der Übernahme von Eigenschaften des Siegers gehe es darum, sie sich als dienende Instrumente zur politischen und kulturellen Revitalisierung anzueignen. „Nicht zur Disposition stehen die Seele, der Geist, die kulturelle Identität des Entleihers.“ Genau dieser Bereich aber wurde in Deutschland einer radikalen Umformung unterworfen. Weil Sloterdijk das negiert, ist seine Analyse falsch.

Wesentlich tiefer lotet Baal Müller im 14. Kaplaken-Band der Edition Antaios. Er nimmt Schivelbuschs Buch als Ausgangspunkt und zitiert auch die darin enthaltene These von Reinhard Kosellek: „Mag die Geschichte – kurzfristig – von den Siegern gemacht werden, die historischen Erkenntnisgewinne stammen – langfristig – von den Besiegten. (...) Im Besiegtsein liegt offenbar ein unausschöpfbares Potential des Erkenntnisgewinns.“ Doch vorerst schreiben die Sieger die Geschichte und setzt das unterlegene Deutschland all seine Energie darin, sich ihre Sicht zu eigen zu machen und den zugewiesenen Part des absolut Bösen zu verinnerlichen. Das hat, wie Müller in seinem kenntnisreichen, scharfsinnigen und sprachlich eindrucksvollen Essay darlegt, mit dem totalen Charakter der deutschen Niederlage zu tun, die am Ende eines totalen Kriegs stand.

Noch wichtiger als ihre politisch-militärischen, ökonomischen und moralischen Umstände erwies sich, daß Deutschland 1945 nach seinen eigenen Maßstäben gescheitert war, jedenfalls nach den Maßstäben seiner damaligen Repräsentanten. Oft genug hatte Hitler das Recht des Stärkeren in der Geschichte proklamiert und getönt, eine Kriegsniederlage Deutschlands bedeute auch sein Ende als geschichtliche Entität. Nun war diese Situation eingetroffen und Deutschland als politische, historische und kulturelle Gegebenheit „widerlegt“. Die politischen Folgen der zwar nicht formal, aber de facto akzeptierten Kollektivschuldthese – die sich in dem absurden Begriff „deutsche Verbrechen“ entäußert; kein Mensch käme auf den Gedanken, statt von „stalinistischen“ von „russischen“ Verbrechen zu reden – sind bekannt: Das öffentliche Leben ist von Tabus umstellt und vergiftet, politische Entmündigung, juristische Ungleichbehandlung, gesinnungsethischer Rigorismus sind an der Tagesordnung. Das nationale Sinnvakuum, das sich nach Mauerfall und Wegfall der Blockkonfrontation nochmals vergrößerte, wird durch die Political Correctness gefüllt.

Worin aber besteht dann der „Vorsprung der Besiegten“? Müller weiß keinen politischen Ausweg – den es wohl auch gar nicht gibt –, nur einen ästhetischen, der auf das „Geheime Deutschland“ verweist. Damit ist eine Haltung gemeint, „die sich der durch den Niedergang des realen Deutschland freigewordenen mythischen Bilder annimmt“. Man könnte auch von einem Ethos persönlichen Widerstehens sprechen.

Der Vergleich zwischen dem Suhrkamp-Goliath und dem Antaios-David geht übrigens klar zugunsten des zweiten aus. Vorerst ist das nur unter ästhetischem Gesichtspunkt von Bedeutung – aber hat sich nicht immer dann, wenn die Luft besonders stickig war, das Ästhetische als wirksame Form politischen Engagements und Widerstands herausgestellt?

 

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009, broschiert, 72 Seiten, 7 Euro

 

Baal Müller: Der Vorsprung der Besiegten. Identität nach der Niederlage. Edition Antaios, Schnellroda 2009, geb., 96 Seiten, 8 Euro

 

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  27/09 26. Juni 2009